"Das andere Licht..."

von Andrea Schwarz

beim Pausenklang am 01.12.2014 gelesen vom Elisabeth Seibold

Es war an einem Adventswochenende: In einem Besinnungshaus leitete ich ein Besinnungswochenende für Theologiestudenten und -studentinnen. Während einer Kleingruppenarbeit schlenderte ich ein wenig durch das Tagungshaus.

Aus einem Saal erklang plötzlich das Lied: „Ein Licht leuchtet auf in der Dunkelheit.“

Ich wusste, dass außer unserem Besinnungswochenende an diesem Tag eine Adventsfeier für Blinde stattfand. Neugierig blieb ich stehen – ob es die Blinden waren, die dieses Lied sangen?

Nach der ersten Strophe wurde es ruhig, dann sprach eine Frau laut einen Text der zweiten Strophe vor – und wieder setzte der Gesang ein: „Ein Licht leuchtet auf in der Dunkelheit.“ Jemand öffnete die Tür und verließ den Raum, in dem die Blinden feierten, und ich sah brennende Kerzen auf den Tischen stehen.

Ich wurde plötzlich nachdenklich.

Da waren Menschen, die wortwörtlich in der Dunkelheit sind, ohne Hoffnung jemals wieder das Licht zu sehen. Und da sangen sie ein Lied von dem Licht, das in die Dunkelheit kommt.

Was mochte ein solcher Text, dieses Lied für diese Menschen bedeuten? Welches Licht ist gemeint? Wie sieht das Licht für einen Menschen aus, der nicht sehen kann? Vielleicht ist es mit diesem Licht so wie mit den brennenden Kerzen, die vor den Blinden standen:

Auch deren Licht konnten sie nicht sehen, aber sie wissen, dass es brennt – und wenn sie sich behutsam diesem Licht nähern, dann spüren sie seine Wärme, hören vielleicht ein leises Knistern, wenn die Flamme im Wind flackert.

Ich muss das Licht nicht sehen können – aber ich muss das Vertrauen haben, dass es dieses Licht gibt.

Von diesen Menschen habe ich eine neue Art des Vertrauens gelernt. Ein Licht leuchtet auf in der Dunkelheit – das Licht leuchtet auf, auch wenn ich es vielleicht nicht sehen kann, noch nicht sehen kann.


Ein Mensch bekommt einen Brief

ein Mensch bekommt einen Brief
er soll sich entscheiden
der Mensch denkt nach
läuft im Zimmer hin und her
her und hin
setzt sich
steht auf
setzt sich wieder
dreht das Radio an
Schlagermusik
dreht wieder ab
nimmt ein Buch
blättert
sucht
findet nichts
legt das Buch weg
tritt ans Fenster
sieht auf die Straße
sieht Menschen
viele Menschen
die Wände rücken zusammen
es hält ihn nicht mehr
zur Tür
hinaus!

der Mensch läuft die Treppe hinunter
stößt die Haustür auf
steht auf der Straße
den Brief in der Hand
holt Luft
endlich Menschen!

der Mensch ist nicht mehr allein
der Strom reißt ihn mit
eilig wie die anderen
hastig
er sucht ein Gesicht
das ihn ansieht
aber keiner sieht ihn
sie hasten
den Blick zu Boden
sehn geradeaus
nicht rechts
nicht links
sie sehen nicht die Frage
im Gesicht des Menschen
nicht die Bitte
nicht den Brief 
 
sie haben es eilig
sie arbeiten alle
vorbei
vorbei

der Mensch bleibt stehen
allein
allein unter vielen!

der Mensch hebt den Blick
sieht das Haus
zwei erleuchtete Fenster
die Tür
die er kennt
die Klinke
das Quietschen
die ausgetretene Treppe
die Klingel
er drückt den Knopf
wartet
lange
viel zu lange
endlich
das Gesicht des Freundes
gar nicht erstaunt
schön
dass du kommst
nur herein
wir sind alle da
alle am Tisch
im hellen Zimmer
hell und vertraut
selbstverständlich

da holt der Mensch Luft
tief
hebt die Hand
legt den Brief auf den Tisch
offen
lest ihn
lest alles
ich kann nicht allein
aber mit euch
redet ehrlich
seid kritisch
sagt mir die Meinung
mit euch bin ich stark!

Weil Du einmalig bist!

Niemand hat Deine Fingerabdrücke.
Niemand hat deine Stimme.
Niemand glaubt wie du.
Niemand hat deine Geschichte.
Niemand spürt die gleiche Trauer, das gleiche Glück wie du.

Den Weg, den du vor dir hast, kennt keiner.
Nie ist ihn einer so gegangen, wie du ihn gehen wirst.
Es ist dein Weg.
Unverwechselbar.
Du kannst dir Rat holen, aber entscheiden musst du.

Nimm dich an.
Sei die, die du bist.
Sei der, der du bist.
Erst dann fängst du an zu werden, was du sein möchtest.

Versteh deine Schwächen,
erst dann kannst du mit ihnen arbeiten
und sie zu Stärken verwandeln.
Setz deine Stärken so ein, dass du noch zerbrechlich bleibst.
Achte auf deine Unsicherheiten,
sie öffnen dir Wege in ein neues Land.

Glaube, dass du einen Beitrag zu geben hast.
Du wirst wahrscheinlich den Kurs der Welt nicht ändern,
kein Held in inter¬nationaler Szene sein.
Aber da, wo du bist, wirst du als du gebraucht.

Wer bist du?
Du bist ein Geschenk Gottes
an dich selbst und an alle, die mit dir zusammen sind.
Er hat dich in seine Hand geschrieben,
du gehst nicht verloren.
Mit ihm kannst du durch Wasser und Feuer gehen.
Du bleibst unversehrt; denn er steht zu seinem Wort.

Segensgebet

Herr, segne unsere Hände,
dass sie behutsam seien,
dass sie halten können, ohne zur Fessel zu werden,
dass sie geben können ohne Berechnung,
dass ihnen die Kraft innewohnt, zu trösten und zu segnen.

Herr, segne unsere Augen,
dass sie Bedürftigkeit wahrnehmen,
dass sie Unscheinbare nicht übersehen,
dass sie durch das Vordergründige hindurch schauen,
dass andere sich wohl fühlen können unter unserem Blick.

Herr, segne unsere Ohren,
dass sie Deine Stimme zu erhorchen vermögen,
dass sie hellhörig seien für die Stimme der Not,
dass sie verschlossen seien für Lärm und Geschwätz,
dass sie das Unbequeme nicht überhören.

Herr, segne unseren Mund,
dass er dich bezeuge,
dass nichts von ihm ausgehe, was verletzt und verstört,
dass er heilende Worte spreche,
dass er Anvertrautes bewahre.

Herr, segne unser Herz,
dass es Wohnstatt sei deinem Geist,
dass es Wärme schenken und bergen kann,
dass es reich sei an Verzeihung,
dass es Leid und Freude teilen kann.